SCHADENSBEURTEILUNG BEI BREMSSCHEIBEN

SCHADENSBEURTEILUNG BEI BREMSSCHEIBEN

Bremsenrubbeln

Unter dem Begriff „Bremsenrubbeln” versteht man das Auftreten von ungleichförmigen Bremsmomentverläufen und somit von Bremskraftschwankungen, die während des Abbremsvorgangs – genauer gesagt während einer Bremsscheibendrehung – auftreten. Diese Erscheinungen werden hinsichtlich ihrer Ursache in thermisches Rubbeln, das bei Abbremsungen aus hohen Geschwindigkeiten entsteht, und Kaltrubbeln, das in allen Geschwindigkeitsbereichen auftreten kann, unterteilt.

Thermisches Rubbeln

Das Phänomen „thermisches Rubbeln” lässt sich wie folgt beschreiben:

  • Dröhnendes Geräusch in einem Frequenzbereich zwischen 100 und 250 Hz – das Dröhnen kann im Verlauf der Abbremsung wechselnde Intensitäten aufweisen, die Bremswirkung wird hierbei nicht beeinträchtigt.
  • Drehmomentschwankungen und/oder Vibrationen im Lenkrad sowie pulsierendes Bremspedal und vibrierende Chassisteile.

Die Erscheinungen sind beim Bremsvorgang abhängig von der momentan wirkenden Bremskraft (Pedalkraft). Auswirkungen des thermischen Rubbelns sind in der Regel in Form von ringförmig angeordneten Flecken auf den Reibflächen der Bremsscheiben zu erkennen. Infolge der Einwirkung von örtlichen Temperaturspitzen beim Bremsvorgang erfolgt ein Materialübertrag vom Scheibenbremsbelag auf die Bremsscheibe und/oder es entsteht eine bleibende Gefügeänderung im Gusswerkstoff der Bremsscheibe. Ein Materialübertrag kann in der Regel durch Bremsungen im normalen Belastungsbereich wieder beseitigt werden; durch die punktuell auftretende Gefügeänderung, die auch als Martensitbildung bezeichnet wird, ist das Gefüge härter als das Ausgangsgefüge und kann nur durch einen spanabhebenden Arbeitsprozess beseitigt werden. Hierbei ist darauf zu achten, dass das verhärtete Gefüge vollständig entfernt wird. Um Risiken auszuschließen, empfiehlt sich jedoch ein Bremsscheibenwechsel.

Das Phänomen der Fleckenbildung durch lokal auftretende Überhitzung hat verschiedene Ursachen:

  • Die Formbeständigkeit der Bremsscheibe ist unter den thermischen Bedingungen, die während des Bremsvorgangs auftreten, nicht immer ausreichend gesichert. Die Reibringfl äche der jeweiligen Bremsscheibe kann unter diesen Bedingungen irreversibel oder reversibel kippen. Es entsteht gegenüber dem Normalzustand des Bremsscheibenkörpers ein Schirmungseffekt.
  • Das Mindestdickenmaß der Bremsscheibe ist unterschritten (s. Herstellerempfehlung) und die Wärmespeicherfähigkeit somit stark reduziert.
  • Die montierten Scheibenbremsbeläge sind zu stark verschlissen und haben nur noch einen unzureichenden Dämpfungseffekt.
  • Die Bremsscheiben entsprechen bezüglich Gusswerkstoff und Toleranzen nicht der Herstellerspezifikation.
  • Die montierten Scheibenbremsbeläge sind für den Anwendungsfall nicht geeignet und/oder entsprechen nicht der Originalausrüstung oder einem vergleichbaren Qualitätsstandard.
  • Die einwandfreie Funktion der Bremsanlage ist nicht gegeben oder Teile derselben sind unterdimensioniert.

Neben den beschriebenen Ursachen für den Vorgang „thermisches Rubbeln” infolge punktueller Überhitzung sind darüber hinaus noch andere Einflussfaktoren zu betrachten, wie nicht ausreichend ausgewuchtete Räder oder verschlissene Lagerteile der Radaufhängung und Lenkung sowie eine mangelhaft eingestellte Vorderachse, die Rubbelerscheinungen mit auslösen oder verstärken können.

Bei Rubbelerscheinungen liegen oft mehrere Ursachen gleichzeitig vor und eine eindeutige Zuordnung kann nicht leicht getroffen werden.

Daher ist eine umsichtige Vorgehensweise zwecks Ursachenforschung mit folgerichtiger Schadensbehebung erforderlich. Zweckmäßigerweise wird dies dem Erfahrungspotenzial von Fachwerkstätten überlassen.

Grundsätzlich ergeben sich jedoch folgende Prüfvorgänge:

  • Zunächst ist eindeutig festzustellen, ob die Störeffekte von der Vorder- oder Hinterachse ausgehen.
  • Die Schadenszustände der Funktionskomponenten sind in Form einer visuellen Überprüfung festzustellen. Stark geschädigte Bremsscheiben bzw. Scheibenbremsbeläge müssen in jedem Fall achsweise ausgetauscht werden.
  • Die montierten Scheibenbremsbeläge sind auf ihre anwendungstechnische Zulassung gemäß der herstellerorientierten Empfehlung zu überprüfen.
  • Der Funktionszustand der Scheibenbremse, insbesondere die der Gleitteile, ist zu kontrollieren und gegebenenfalls fachgerecht instand zu setzen.
  • Der Radlauf ist bezüglich Unwucht zu überprüfen und gegebenenfalls nachzuwuchten.
  • Der Funktionszustand der Radaufhängung und der Lenkungsteile ist zu überprüfen und schadhafte Teile sind auszutauschen.
  • Die einzelnen Lagerkomponenten der Radlagerung sind auf Defekte hin zu kontrollieren und gegebenenfalls auszutauschen (Lagerspiel).
  • Die Achsgeometrie ist nach den Richtwerten des Fahrzeugherstellers zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren.

Grundsätzlich kann durch die Wahl eines geeigneten Reibmaterials das thermische Rubbeln günstig beeinflusst werden, sofern der Zustand der anderen erwähnten Fahrzeugkomponenten einwandfrei ist. Es ist in diesem Zusammenhang jedoch darauf hinzuweisen, dass derartige Optimierungen auch in Übereinstimmung mit den Gesamtanforderungen an eine Bremsanlage zu betrachten sind.

Thermal Judder
Thermisches Rubbeln

Dröhnende Geräusche und Vibrationen während des Bremsvorgangs aus hohen Geschwindigkeiten

Ursache: Örtlich überhitzte Bremsscheibe mit „Rubbelfl ecken”